Wo bleibt das Gespräch?

Sieht nach Gespräch aus, endet aber oft im Stimmengewirr

Wohl haben die Klassiker der bisherigen Medienwelt mit eigenen Web-Auftritten neue User und wichtige Werbung an sich binden können. Das war wohl auch ihr Hauptmotiv. Aber haben sie dadurch an Gesprächsfähigkeit gewonnen? Das Web bietet ja nicht nur Dauerzugang und Datenweite an, sondern auch Vernetzung und Austausch. Frage also: Haben die Klassiker beim Austausch dazugelernt? Mitnichten. Das Angebot an Foren bleibt dürftig, und wer sich mit Kommentaren an die Website einer Zeitung wagt, der bleibt für Tage in Warteschlangen stecken. Als ob nicht die Zeitung die Aktualität erfunden hätte. Man fragt sich: Wo bleibt das Gespräch? Das echte Gespräch?

Das in die Jahre gekommene Fernsehen setzt noch immer auf Polarisation und erkennt nicht, dass die Zuschauer auch Zuhörer sein möchten. Es gelingt ihnen kaum mehr, einzelne Voten zu hören. Es wird nur lauter, nicht besser – und vor allem nicht ergiebiger. Moderatorinnen und Moderatoren versuchen, sich als souveräne Dompteure zu erweisen und wenigstens etwas Eigenprofil zu gewinnen. Aber sie haben nicht erkannt, dass auch das Stören und Umlenken einer Debatte gelernt sein will.

Wo also bleibt das Gespräch? Wo vermitteln die Newsträger auch die Lust am Debattieren und an neuen Ideen? Da schlummern verpasste Chancen, und da gäbe es ein enormes Potenzial.

Aber die Lösung zeichnet sich wohl kaum in ZDF-Gesprächsrunden ab, wo Maybrit Illner die Mäuler mehrspurig schwatzen lässt, sodass das Publikum nichts mehr versteht, auch das intelligente nicht. Bei einem echten Gespräch müsste ja nicht eine vervielfachte Quantität her, sondern eine differenzierende Qualität – ein Gespräch mit Gewinn eben, für die Demokratie, für die Zuschauer, für das Medium.

Lange haben Tageszeitungen das Tagesgespräch bestimmt. Wer leistet das heute? Die Zeitungen haben in der neuen Mediensituation ihre Rolle noch immer nicht neu und klar genug definiert. Die TV-Stationen begeilen sich an wilden Gladiatorenkämpfen, die mehr an Rom erinnern als an die bedrängte Gegenwart. Als ob aus Rom je etwas Frisches gekommen wäre.

Wo also bleibt das Gespräch? Wo bleiben die Versuche, im Land so etwas wie Gemeinsinn spüren zu lassen?

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