Ins Gedächtnis – aber wie?

“Ich habe kein Gehirn – ich bin es!”

Gedächtniskünstler suggerieren uns in gross aufgezogenen Demonstrationen, wie wir mithilfe eingeübter Listen bestimmte Wissensstoffe so in den Kopf schaufeln, dass sie dort ewig bleiben. Und dass sie angeblich jederzeit abgerufen werden können. Die einen setzen Assoziationen ein, indem sie die Namen der amerikanischen Präsidenten je mit einem plastisch vorstellbaren Objekt verknüpfen. So wird aus Reagan ein Regen. In ein paar Minuten wird aus der Präsidentenliste eine eigene Geschichte, die sich immer wieder erzählen lässt. Andere platzieren die Schlüsselbegriffe einer geplanten Rede in einen Memory Palace. Diesen will man dann begehen. Allenfalls macht man das zusammen mit dem Publikum. Einige Übungsbeispiele finden sich auf der Website Das Gehirn. Ins Gedächtnis – aber wie?

Es gibt ein grosses Arsenal solcher Mittel der Mnemotechnik. Die meisten sind kurzfristiges Blendwerk und erweisen sich längerfristig als untauglich. Schlimmer: sie müllen das Gehirn langsam aber sicher zu. Sie überschreiben es auf künstliche Weise und unterlaufen damit die gegebenen natürlichen Prozesse im Gehirn.

Emotionen statt Konstrukte

Unser Gedächtnis braucht keine Konstrukte mit unnötigen und komplizierten Schlaufen. Es braucht Emotionen. Gerade das Langzeitgedächtnis arbeitet dann am besten, wenn man ihm das Erlebte (!) zur Integration im Netz des Zentralnervensystems frei überlässt (!). Wer sein Gedächtnis mit einer Festplatte verwechselt, begeht möglicherweise einen fatalen Fehler. Die Frage bleibt: Ins Gedächtnis – aber wie?

Das Langzeitgedächtnis erstreckt sich über den ganzen Cortex, weil sich die Inhalte nicht in einem Dateiverzeichnis speichern lassen. Sie nutzen ja neurologische Verknüpfungen. Je mehr man sich über das Wesen solcher Inhalte freut (zum Beispiel die philosophischen Äusserungen antiker Autoren, oder die Schönheit romanischer Baukunst, oder die verblüffenden Effekte neuster Robotertechnik), umso leichter vollzieht sich das Sich-Erinnern. Man sollte deshalb Lernstoffe nicht messen und stapeln. Man darf (!) sie geniessen! Sollen die Medizinstudenten doch über das Wunderwerk des menschlichen Körpers staunen, sie werden mit dieser Haltung später mehr Anatomie intus haben als die sturen Karteikarten-Büffler.

Die Anatomie – büffeln oder bewundern?

Sarah Neidler hat eine eindrückliche Präsentation des Hirnaufbaus und der Hirnfunktion verfasst. Der Beitrag “Gehirn: Aufbau und Funktion einfach erklärt” kommt sehr übersichtlich daher und ist hervorragend illustriert. Davon kann man profitieren.

Die deutsche Website Gehirnlernen vermittelt gut gerafft einen Einblick in die erstaunliche Hirnleistung in Sachen Gedächtnis. Dort wird das Gedächtnis vom Typ her in zwei Gruppen gegliedert. Das deklarative Gedächtnis arbeitet auf der bewussten Ebene und speichert Episodisches (aus dem Urlaub, aus der Jugend). Daneben gibt es Semantisches (Faktenwissen). Dieses nichtdeklarative Gedächtnis arbeitet im Unbewussten. Es kennt Bewegungsabfolgen und Gesichter.

Sich-Erinnern braucht Zeit

Vom Zeithorizont her wird auf dieser Website unterschieden zwischen dem Ultrakurzgedächtnis (Sinnesreize von Sekundendauer, Abwicklung in den sensorischen Cortexarealen), dem Arbeitsgedächtnis (Abwicklung im präfrontalen Cortex, also im Stirnbereich), dem Kurzzeitgedächtnis (im Hippocampus und im Schläfenlappen) und dem Langzeitgedächtnis (durchzieht den ganzen Cortex).

Schlussfolgerungen für das Marketing

Wenn das Marketing weitgehend eine Frage der Kommunikation ist, dann würde man sich wünschen, dass beim Gegenüber einiges davon haften bleibt. Das leitet dazu an, dass man seine Botschaft unterschiedlich kleidet. Mal redet man, mal zeigt man, mal malt man etwas aus, mal führt man vor, mal übt man den Schlagabtausch, mal unterhält man sich.

Aber man möge sich hüten, etwas einzutrichtern. Auch nicht mit der Ausrede, dass über allem Online Marketing der heilige Funnel stehe. Also: nicht eintrichtern, lieber spielen, die Menschen frei denken und sinnieren lassen. Massvoll wiederholen, aber nicht ewig. Nachdruck verleihen, aber nicht mit dem Hammer. Ein emotionales Statement also, oder ein stimulierendes Gespräch. Erkennbar wird das an Lachern, zufriedenen Gesichtern und beglückenden Konversionsraten. Damit wäre man auf dem Olymp des Marketings.

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