Musik als Wahrzeichen einer Stadt

Die Freie und Hansestadt Hamburg hat ihr Wahrzeichen neu erfunden. Auf den guten alten Michel folgte die Elbphilharmonie. Was bedeutet Musik über den Dächern einer Stadt?

Langes Bauen für das neue Wahrzeichen Hamburgs

Im November 2016 wurde im Bereich der Speicherstadt die Elbphilharmonie fertiggestellt und es war schon lange klar, dass dieser exponierte Bau das Wahrzeichen Hamburgs werden musste. Dank der Architekturleistung von Jacques Herzog und Pierre de Meuron ist dies auch grossartig gelungen.

Ein riesiger, technisch ausgeklügelter Konzertraum in einer wellenförmig gekrönten Hülle löste eine Kirche ab, den Michel, der immerhin restauriert wurde. Aber die Elbphilharmonie ist kein musikalisches Novum für die Stadt. Diese kannte ja schon die Musiktradition der Hamburger Musikhalle, die unter dem Namen Laeiszhalle noch heute an die Spenderfamilie erinnert, die Reeder Laeisz. Musik wurde schon immer gross geschrieben in der Hansestadt, die ja auch ihre eigene Hymne kennt und spätestens seit den Beatles längst auch neuere Musik vermittelt.

Georg Philipp Telemann hat Hamburg einmal als einen Ort bezeichnet, „wo die Music gleichsam ihr Vaterland zu haben scheinet“. Der Komponist wirkte hier 46 Jahre als Musikdirektor. Carl Philipp Emanuel Bach, der „Hamburger Bach“, wurde 1768 dessen Amtsnachfolger. Er wurde von seinen Zeitgenossen als „Originalgenie“ gefeiert und lebte bis zu seinem Tod 1788 in der Stadt. Anfang des 19. Jahrhunderts erblickten die Geschwister Fanny und Felix Mendelssohn in Hamburg das Licht der Welt. Der im Gängeviertel geborene Johannes Brahms trat hier erstmals als Pianist und Komponist in Erscheinung. 1889 ernannte ihn Hamburg zum Ehrenbürger.

Die Stadt hat auch eine andere Tradition: die der Pfeffersäcke. Hamburg gehört mit seinem Hafen, seinen Werften und seinem weit abgesteckten Schiffsverkehr längst zur grossen Handelswelt. Dazu schafft die Musik einen weiten, aber nicht zufälligen Bogen. Es ist der Bogen der Grösse, die aber nach Hanseatenart nie den Mund zu voll nimmt. Bescheidenheit, das muss man bei aller Grösse immer sagen, ist ein Charaktermerkmal des norddeutschen Menschenschlags und der Hamburgerinnen und Hamburger erst recht. Ein beschwingtes Konzerthaus war ein fast notwendiges Gegenstück zum umtriebigen Containerhafen und zum wuchtigen Luxusdampfergeschäft. Beide Tempel der Musik betonen die Rolle der Elbe, die richtungsgebend bleibt, seit sie die Alster überrundet hat.

Eine ganz ähnliche Wirkung geht in der grössten ausstralischen Stadt Sidney vom Opera House aus. Mit grossem Stolz erleben die Menschen dort, wie alljährlich beim Silvesterfeuerwerk ihr 1973 eröffnetes und 67 Meter hohes Opernhaus die ganze Welt begrüsst. Die Mutter aller Wahrzeichen aber steht seit 1886 als Statue of Liberty auf Liberty Islands, in New Yorks Hafen, 93 Meter hoch.

Der Jet d’eau von Genf schiesst zwar 140 Meter hoch, geht aber auf eine wasserdrucktechnische Notwendigkeit zurück und wurde als Wahrzeichen erst ernst genommen, als 1891 beim Eidgenössischen Turnfest die Einweihung erfolgte. Er entspricht offensichtlich der Lebhaftigkeit der Genferinnen und Genfer, aber auch ihrem internationalen Ambitionen. Seht ihr mich alle, fragt die Stadt des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz und des Europasitz der Vereinten Nationen, einst des Völkerbundes. William Rappard, der Jugendfreund des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson, hat zusammen mit Gustave Ador den Uno-Sitz nach Genf geholt. Seither glänzt die Stadt durch ihre Internationalität. Sie hätte auch an Calvin anschliessen können, wie es Zürich – das beim Münster als Wahrzeichen blieb – sinngemäss mit Zwingli tat.

Sie wirken entsprechend unterschiedlich, die Städte, die sich wahlweise für die Leichtigkeit der Musik oder eben für die Strenge der Reformation entschieden. Das ist auch gut so.

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