St. Gallen begrüsst Gäste mit Mathe

Die binäre Uhr setzt Spass am Rechnen voraus. Und wirft Fragen auf.

Binäre Uhr für Eilige

Seit 2018 wird beim Bahnhof St. Gallen die Zeit binär angezeigt, also nicht nach dem Dezimalsystem. Dahinter steckt der Künstler Norbert Möslang. Als einige Betrachter zu verzweifeln drohten, produzierte Software-Entwickler Jan Göltenboth eine App. Nicht besonders schlau, meinten einige, denn wer ein Handy vor Augen hat, erkennt dort auch rasch die Uhrzeit – mit oder ohne App.

Ganz oben zeigen Kreise die Stunden an. In der Mitte sind die Minuten an Kreuzen abzulesen. Darunter fordern Quadrate im Sekundentakt die Rechner heraus. Da es im Zweiersystem nur zwei Ziffern gibt, nämlich eine Null und eine Eins, muss das natürlich an der Glaswand erkennbar werden. Das ergibt sich in St. Gallen vom Licht her: ein leuchtender Kreis entspricht auf der obersten Linie einer Eins. Fehlendes Licht steht für eine Null.

Interessant ist, ob die Mathestunde am Bahnhof die Betrachter erfreut oder ärgert. Reaktionen gab es jedenfalls zuhauf. Mathe wünscht man sich ins Schulzimmer, wohin man sie als älterer Mensch auch jederzeit verdammen kann. Beim Bahnhofseingang hingegen kriecht dem Betrachter möglicherweise das schlechte Gewissen ob einstiger Mathenoten hoch. Aber eben: so begrüsst eine Universitätsstadt, bei der die ökonomischen Fächer obenaufliegen, ihre Gäste mit Mathe. Hätte sie nicht auch mit Literatur, Landschaftsbildern oder Mönchsweisheiten begrüssen können? Hätte man ihr das abgenommen? Eine Imagefrage.

Wer etwas nicht begreift, so darf man bei der Bahnhofsuhr vermuten, dessen Reaktion dürfte überwiegend negativ daherkommen. Deshalb wäre eine kleine Anleitung recht hilfreich. Es genügt, die Rechnung bei den Stunden vorzuführen, wo man langsamer knobeln darf. Man liest das Binärsystem von rechts. Somit zeigt ein leuchtender Kreis oben rechts, dass dieser Wert gegeben ist, also eine Eins. Dazu sind weiter links die jeweiligen Werte zu addieren, überall, wo etwas leuchtet. Gibt es bei der Kolonne links davon kein Licht, ist auch nichts zu rechnen. Leuchtet der Kreis an der dritten Stelle (von rechts abgezählt), sind 4 Stunden zu addieren. Das ergäbe 5 Uhr usw. Im Internet bietet eine Website willkommene Hilfen an.

Gilt die Leserichtung von links her immer, auch wenn man die Bahnhofsuhr von innen her liest? Das sollen die Schülerinnen und Schüler mit ihren wachen Köpfen doch mal überlegen!

Noch etwas zur Schreibweise: Ob eine Zahl dem Zweier- oder dem Zehnersystem angehört, ist nicht ohne weiteres zu erkennen. Es gibt eine 101 ja auch im Dezimalsystem. Deshalb zeigt man die Art des Systems mit kleinen Zahlen an, etwa so: 10110112 = 9110