Das imaginäre Publikum

Medienschaffende tappen oft im Dunkeln: Vom wem werden ihre News und Reportagen überhaupt gelesen, gesehen und diskutiert?

Jedes Publikum hat seine Regeln. Kunstwerk 1998 von Johannes Grützke auf dem Stephansplatz in Konstanz, zur Erinnerung an den Heckerzug.

Redakteure möchten natürlich wissen, wer ihre Zeitung abonniert und liest. Auch Radio- und TV-Leute wünschten sich ein eine klare Vorstellung von ihrem Publikum. Erst recht möchten die Werbetreibenden und deren Auftraggeber erfahren, wen ein Medium anspricht. Publikumsdaten sind deshalb eine begehrte Grundlage für alle, deren Arbeit an einem Medium hängt.

Oft wissen einzelne Zeitungen erstaunlich viel über ihre Stammleserschaft, sie kennen ihre geografische Verteilung (Stadt/Land, regionale Verteilung!), oft auch die Kaufkraftklassen, die Haltungen, die Konsumgewohnheiten, sogar ihre Wohnsituation (Wohneigentum oder Miete). Erhebungen tragen viel zu diesem Wissen bei. Radio- und Fernsehsender können ihre Publikumsdaten gezielt ergänzen, und sie wissen mehr als die Zeitungsredaktionen, wieviele Menschen einen Beitrag hören oder sehen. Am genausten können Website-Betreiber erkennen, wo ihre User sitzen, wann sie was aufnehmen, sogar mit welchem Browser und in welcher Abfolge.

Das imaginäre Publikum kann man sich also teilweise recht konkret vor die Augen holen. Trotzdem bleibt beim Redakteur ein beträchtliches Stück Unsicherheit bestehen. Er hat einen Stoff vor sich und weiss nie genau, welche Reaktionen er auslösen wird. Deshalb wird er Vorwegnahmen tätigen, sich eine vermutete Publikumsmeinung vorstellen und entsprechend handeln. Wenn ein junger Rocker aus dem Leben geschieden ist, wird es meine alten Leser interessieren? Wenn ich Kritik an der Armee übe, fegt dann ein Sturm über mich hinweg, der bei den Abonnements zu Kündigungen führt? Kündigungen werden meistens genauer abgeklärt, sodass man hinzulernt. Leserbriefe verraten oft heftige Feedbacks, und man tut gut daran, hinter einer Leserbriefschreiberin oder einem Leserbriefschreiber ein paar hundert Gleichgesinnte zu vermuten. Ergänzend können auch generelle Publikumsbefragungen zu bestimmten Themen lohnende Quellen sein.

Ein Sorgenbarometer sagt nicht nur dem Journalisten, sondern auch dem Politiker, wo den Menschen der Schuh drückt. Ob das die Selbständigkeit der Medien mindert, weil sie sich angesichts des Konkurrenzkampfes zu gerne dem Publikum annähern, statt Eigenwilligkeit zu beweisen? Wenn es angeblich freie TV-Sender gibt, ist das nicht eine Fiktion? Sie werden ja alle das Publikum erforschen wollen – und allzu oft liegt diesen Sendern ja ein identisches Forschungsergebnis vor. Wenn das Publikum Kochsendungen wünscht, werden sämtliche Sender nicht genug Kochshows bieten wollen, bis es den Zuschauern zuviel ist. Dann werden alle Schlankheitskuren vorführen, alle!

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