Selektive Wahrnehmung

Was suche ich eigentlich: etwas Bestimmtes, etwas Vertrautes, oder Neues?

Mit dem Suchmuster „frisches Obst“ durch den Markt

Intelligenz, so sagt man, bestehe nicht im Vielwissen. Sondern in der Fähigkeit, situativ das Wichtige zu erkennen. Also sind Filter in der Wahrnehmung eine kluge Sache. Sie ermöglichen den Blick auf das Entscheidende im Leben. Gleichzeitig schützen sie vor dem Überflutet-Werden, die Menge an fliessenden Informationen ist ja enorm und ruft nach Konsumation mit Verstand. Also tue ich, was auch die Medien tun: sie spielen den Gatekeeper und öffnen die Pforte, wenn es ihnen richtig scheint.

Der einzelne Mensch stellt sein Wahrnehmungsmuster nach Erfahrungen, Interessen, Bedürfnissen und Zielen zusammen. Das ist verständlich. Es ist völlig nachvollziehbar, dass jeder Mensch auf seine Weise durch einen Markt geht, der ihn anziehen und verführen will.

Das hat auch seine psychologischen Vorteile. Wer nicht alles vernimmt, lebt glücklicher. Untersuchungen haben gezeigt, dass Menschen mit geringem Medienkonsum zufriedener sind. Wer alle 45 Minuten erfährt, dass in China ein Mensch ohne richtigen Prozess und ohne faires Urteil hingerichtet wird, zieht sich bald einmal von solchen Meldungen zurück, um selber nicht in Trostlosigkeit zu verfallen. Auch das Vergessen-Können, eine grossartige Fähigkeit unseres Gehirns, ist eine Überlebungsnotwendigkeit.

Und doch! Es lauert in der selektiven Wahrnehmung auch eine Gefahr. Vielleicht sollte man doch einen Türspalt offenlassen, um nicht Opfer einer Aufmerksamkeitsblindheit zu werden, um auch die Anliegen und Sorgen anderer zu erkennen, um offen zu bleiben für alles, was wichtig werden könnte.

Damit erweist sich der Umgang mit den Selektionsfiltern als Frage nach dem eigenen, individuell zu definierenden Mass. Ein Journalist wird offener sein müssen als andere Berufsleute. Eine Pflegefachfrau, die täglich mit Schwerbehinderten oder Schwerverletzten zu tun hat, wird abends nicht auch noch die Katastrophenmeldungen aus fernen Ländern ertragen. Eine Frage des Masses, tatsächlich. Wie schön, dass man sich auch zurückziehen kann. Wie reizvoll aber auch, fremde Menschen kennenzulernen.

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