Gefährlicher Verteilungskampf

Aus Marcel Fratzschers Buch über die wachsende Ungleichheit in Deutschland

Prof. Marcel Fratzscher, Präsident des DIW in Berlin

Zuerst zur sozialen Marktwirtschaft – Professor Marcel Fratzscher hat dazu seine kritische Einschätzung dazu sehr deutlich zum Ausdruck gebracht. Und er hat dafür auch einige Kritik zu hören bekommen.

Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, hat zudem unter dem Titel „Verteilungskampf“ interessante Aussagen zur Ungleichheit in Deutschland gemacht. Hier einige Zitate aus dem lesenswerten Buch (leicht redigiert):

  • Ungleichheit stellt nicht nur ein gesellschaftliches, sondern auch ein massives wirtschaftliches Problem dar. Die Ungleichheit hat in Deutschland ein Mass angenommen, das gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und finanziellen Schaden anrichtet.
  • Deutschland ist heute eines der ungleichsten Länder in der industrialisierten Welt.
  • Das Vermögen zählt zu den niedrigsten in ganz Europa. In keinem anderen Land der Eurozone ist die Vermögensungleichheit höher.
  • Auch bei Löhnen und Einkommen ist das „Soziale“ der deutschen Marktwirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten in den Hintergrund getreten.
  • In kaum einem anderen Land bleibt Arm so oft Arm und Reich so oft Reich – über Generationen hinweg.
  • In Wirklichkeit tobt der Verteilungskampf nicht zwischen Flüchtlingen und Menschen, die bereits in Deutschland leben. Sondern zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, zwischen gut und weniger gut Ausgebildeten und vor allem zwischen Arm und Reich.
  • Ein Bekämpfen der Ungleichheit liegt im Interesse aller, nicht nur einiger weniger.
  • Wir benötigen eine Kehrtwende, bei der die Anstrengungen darauf abzielen, die Chancenungleichheit zu minimieren und die Chancen zu maximieren. Die Markteinkommen würden steigen, einige staatliche Interventionen würden überflüssig. Es würde langfristig den Staat kleiner effizienter und fokussierter machen. Und es würde den Kuchen für alle grösser machen. Das Wirtschaftswachstum würde steigen und damit auch der Wohlstand – dann aber wieder für alle und nicht nur für wenige.
  • Ungleichheit schädigt soziale und politische Teilhabe. Drei Indikatoren für die Abnahme politischer Teilhabe sollen hier als Beispiel genannt werden: die Unterschiede in der Wahlbeteiligung, die in politischer Mitarbeit und die in der Ausprägung von sozialen Netzwerken.
  • Es gibt drei grosse Ursachen der zunehmenden Ungleichheit: Die erste ist die Rolle der Marktwirtschaft und der Einfluss der Globalisierung, der Digitalisierung und der individueller werdenden Arbeitswelt. Sehr spezifisch für Deutschland ist die zweite Ursache: die fehlende Chancengleichheit. Die dritte ist die Umverteilung. Wäre es nicht besser, die Umverteilung wäre überflüssig – etwa weil bereits die Markteinkommen gleicher verteilt wären?
  • Der Schlüssel für die steigende Ungleichheit in Deutschland ist die geringe gesellschaftliche und wirtschaftliche Mobilität. Nirgendwo werden die persönlichen Entwicklungschancen so sehr von der Herkunft bestimmt.
  • Die Höhe des Einkommens eines Arbeitnehmers in Deutschland wird zur Hälfte nicht etwa durch Fleiss, Fortbildungswillen und Einsatz bestimmt, sondern durch das Einkommen und den Bildungsstand der Eltern.
  • Ungleichheit wird dann zum sozialen Problem, wenn sie Chancen und soziale Teilhabe einschränkt. Wenn sie dann noch die politische Teilhabe reduziert, gefährdet sie das Funktionieren der Demokratie und wird zur Gefahr für die Demokratie selbst.
  • Deutschland kann seinem Anspruch einer sozialen Marktwirtschaft nur dann gerecht werden, wenn es sehr viel mehr seiner Energie auf die Schaffung von Chancengleichheit verwendet. Dazu gehört eine Politik der Integration, die deutlich mehr Menschen als bisher eine wirtschaftliche, soziale und politische Teilhabe ermöglicht.
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