Keine Arithmetik mit Todesopfern

Spanische Grippe [Foto Aargauer Tagblatt]

Keine Arithmetik mit Todesopfer. Die Medien stellen sich oft die Frage, ob sie Todesopfer-Zahlen miteinander vergleichen sollen oder nicht. Am raschesten eine Empfehlung ein, die wie folgt lautet: tu’s nicht. Todesopfer bringen immer grosses Leid, ob in grosser Zahl oder in kleiner. Aber so einfach beantwortet sich diese Frage nicht.

Eine Frage der Geografie

Eine erste und häufigste Ausnahme rührt von der geografischen Verteilung her. Diese Regel besagt, dass eine Regionalzeitung zwar ein einzelnes Verkehrsunfallopfer innerhalb der Region melden wird, nicht aber jedes einzelne auf einem fernen Kontinent. Letzteres wäre von der Menge her gar nicht machbar, und vom ungleichen Interesse her auch nicht sinnvoll.

Es wirkt zynisch, ist es aber nicht: 1 Toter bei einem Verkehrsunfall in der eigenen Stadt entspricht 10 Toten bei einem Verkehrsunfall irgendwo in Asien. Die wenigsten Leserinnen und Leser kennen diese Rechnung, aber die meisten begreifen sie. Den Schlüssel zum Auflösen dieses Rätsels liegt in der unterschiedlichen Betroffenheit, beziehungsweise in der Fokusweite des Mediums. Ereignisse in der Nähe berühren mich mehr, und sie müssen es sogar mit einer gewissen Zwangsläufigkeit. Die Ferne hingegen relativiert die Dramatik, sie darf es bis zu einem gewissen Grad auch. Ob der Leser damit auch erkennt, dass in fernen Weltregionen immer nur grosse Busse verunglücken, in der eigen Stadt aber auch einzelne Fahrräder?

Die Bedeutung des Hintergrundes

Die zweite Ausnahme ergibt sich, wenn man die Todesursache einbezieht. Ein Toter in einem Kernkraftwerk ist wichtiger als ein Toter zuhause im Bett. Der Grund liegt in der ungleichen Brisanz des jeweiligen ursächlichen Hintergrundes, auch wenn dieser Hintergrund nur vermeintlich eine Rolle spielt. Für den Leser ist es auch ungleich, ob eine Fritüre in der Kantinenküche eines Gefängnisses brennt oder in einem gewöhnlichen Haushalt. Objektiv wird es so sein, dass beide Brände gleich problemlos gelöscht werden. Subjektiv brennt die Fritüre im Gefängnis in der Leser-Wahrnehmung unendlich viel länger und gefährlicher. Ob eine Meldung darüber erscheint, entscheidet nicht nur das Brandgeschehen.

Erkenntnisse für die Zukunft

Eine dritte Ausnahme stammt vom Interesse her, Dimensionen wahrnehmen und die Zukunft besser abschätzen zu können. So möchte man gerne die Gefahr des Corona Virus klar einstufen können. Das ist ein legitimes Bedürfnis. Denn alles, was als Gefahr auftaucht, möchte der Mensch einschätzen können. So kann er sich besser darauf einstellen. Da kann der Vergleich mit der Spanischen Grippe 1918/19 einen Hinweis geben. Damals kamen allein in der Schweiz 25 000 Menschen ums Leben, darunter auch die Grossmutter und die Urgrossmutter des Schreibers dieser Zeilen. Weltweit dürften es 50 Millionen gewesen sein. Der Erste Weltkrieg selber forderte 10 Millionen. Aber niemand möchte hinschreiben möchte, es seien „nur“ 10 Millionen gewesen. Es waren durchwegs Opfer eines brutalen grossen Krieges gewesen. Aber für unser aktuelles Einschätzungsvermögen liefert der Erste Weltkrieg kaum einen Wert mehr, die Spanische Grippe aber sehr wohl.

Keine Arithmetik mit Todesopfern. Ein solches Verdikt tönt zwar schön. Aber der Alltag spielt doch täglich mit den Zahlen und verführt dauernd zu Bezüge, aus welchen Gründen auch immer. Marketingleute kümmern sich kaum um solche Fragen. Und doch wäre es gut, wenn sie sich bisweilen in die Denkweise der Redaktionen hineinversetzen würden. Der Costumer Focus nämlich spielt bei Journalisten wie bei Marketern eine sehr wichtige Rolle.

0